Ich empfehle Atemübungen in meiner Arbeit als Ergotherapeutin, weil sie dabei helfen können, den eigenen Körper bewusster wahrzunehmen und in Momenten von Stress kurz innezuhalten. Gerade wenn Anspannung, Schmerzen oder Erschöpfung den Alltag erschweren, kann eine einfache, passende Atemübung ein kleiner und selbstbestimmter Schritt sein – keine Behandlung der Ursache, aber eine mögliche Unterstützung im Umgang mit der Situation.
Auch in meinen Hypnose-Coaching-Einheiten setze ich Atemtechniken ein. Der Atem kann helfen, die Aufmerksamkeit nach innen und auf den gegenwärtigen Moment zu richten. So wird er zu einem Anker, wenn wir uns mit inneren Bildern, Gedanken und persönlichen Ressourcen beschäftigen.
Warum also taucht der Atem in zwei unterschiedlichen Arbeitsfeldern auf? Weil Körperwahrnehmung, Aufmerksamkeit und Handeln zusammenhängen. Wenn wir bemerken, wie es uns gerade geht, entsteht oft ein Moment, in dem wir bewusster entscheiden können, was als Nächstes hilfreich ist.
Unter Druck wird dieser Zusammenhang besonders deutlich: Der Atem wird flacher, der Körper spannt sich an und der Blick verengt sich. Unser körperlicher Zustand beeinflusst, worauf wir achten, wie wir eine Situation bewerten und was wir uns in diesem Moment zutrauen.
Breathwork, Hypnose-Coaching und Ergotherapie setzen an unterschiedlichen Stellen an. Sie sind nicht dasselbe und sollten auch nicht miteinander verwechselt werden. Dennoch verbindet sie eine zentrale Frage:
Was hilft einem Menschen, sich selbst bewusster wahrzunehmen, die eigenen Möglichkeiten zu nutzen und wieder handlungsfähig zu werden?
Der Atem: automatisch und trotzdem beeinflussbar
Atmung geschieht meist, ohne dass wir darüber nachdenken. Gleichzeitig können wir sie bewusst wahrnehmen und für einen Moment verändern. Genau diese Besonderheit macht den Atem zu einer direkten Verbindung zwischen Körper und Aufmerksamkeit.
Bei Anspannung verändert sich häufig auch die Atmung. Umgekehrt können ruhige, bewusst geführte Atemzüge dabei unterstützen, das eigene Tempo wahrzunehmen und einen Moment zwischen Reiz und Reaktion entstehen zu lassen.
Das bedeutet nicht, dass eine Atemübung jedes Problem löst. Aber sie kann ein leicht zugänglicher Einstieg sein:
- den aktuellen Zustand bemerken
- körperliche Signale früher erkennen
- die Aufmerksamkeit ins Hier und Jetzt holen
- vor einer Reaktion kurz innehalten
Wie ich Atemübungen in meiner Arbeit einsetze
In meiner Arbeit empfehle ich einfache, sanfte Atemübungen immer wieder an Patient:innen und Klient:innen – besonders dann, wenn sie stark gestresst sind oder mit einer chronischen Erkrankung aus dem rheumatischen Bereich leben.
Bei starkem Stress geht es zunächst oft nicht darum, sofort eine Lösung zu finden. Der erste Schritt kann sein, den eigenen Zustand überhaupt wahrzunehmen. Eine bewusst begleitete Atmung kann helfen, kurz aus dem automatischen Funktionieren auszusteigen, die Aufmerksamkeit zum Körper zurückzubringen und den nächsten Schritt überlegter zu wählen.
Bei chronischen rheumatischen Erkrankungen können Schmerzen, Erschöpfung, Steifigkeit und die Unvorhersehbarkeit von Beschwerden zusätzlich belasten. Manche Menschen reagieren darauf mit dauernder Anspannung oder dem Gefühl, dem eigenen Körper ausgeliefert zu sein. In meiner ergotherapeutischen Arbeit kann eine sanfte Atemübung als begleitender Impuls dienen, um
- unnötige Schutzspannung bewusster wahrzunehmen
- Ruhephasen gezielter zu gestalten
- bei Belastung wieder einen ruhigen Bezug zum eigenen Körper herzustellen
- das Gefühl zu stärken, selbst etwas zum Umgang mit der Situation beitragen zu können
Dabei ist mir die Abgrenzung wichtig: Atemübungen behandeln weder die rheumatische Grunderkrankung noch ersetzen sie Medikamente, ärztliche Betreuung oder Ergotherapie. Für eine Linderung rheumatischer Schmerzen oder eine Veränderung der Krankheitsaktivität durch Atemübungen gibt es bislang keine überzeugenden Belege. Eine kleine ältere Studie mit Menschen mit Arthrose und rheumatoider Arthritis fand nach täglichem tiefem Atmen keine statistisch signifikanten Unterschiede bei Schmerz oder Funktionsfähigkeit. Eine spätere Studie zeigte nach einer einzelnen 30-minütigen Atemübung kurzfristige Veränderungen der Herzratenvariabilität bei Menschen mit rheumatoider Arthritis beziehungsweise Lupus. Sie untersuchte jedoch nicht, ob sich dadurch Beschwerden oder Krankheitsverlauf bessern. Für meine Arbeit heißt das: Ich empfehle Atemübungen nicht zur Behandlung rheumatischer Symptome, sondern – wenn sie zur Person passen – als mögliche Unterstützung für Körperwahrnehmung und den Umgang mit Anspannung.
Die Übung muss zur Person und zur aktuellen Situation passen. Es geht nicht um möglichst langes Luftanhalten, besonders intensives Atmen oder darum, Beschwerden „wegzuatmen“. Oft ist weniger mehr: ruhig beobachten, nichts erzwingen und die eigene Reaktion ernst nehmen.
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Hypnose-Coaching: Aufmerksamkeit bewusst ausrichten
Auch im Hypnose-Coaching spielt Aufmerksamkeit eine zentrale Rolle. Hypnose ist kein Kontrollverlust und kein „Abschalten“. Sie beschreibt einen Zustand fokussierter Aufmerksamkeit, in dem äußere Reize zeitweise weniger wichtig werden und das innere Erleben stärker in den Vordergrund tritt.
Dabei können Bilder, Empfindungen, innere Dialoge und vorhandene Ressourcen bewusster zugänglich werden. Im Coaching geht es zum Beispiel darum,
- eingefahrene Reaktionsmuster wahrzunehmen
- hilfreiche innere Bilder zu entwickeln
- eigene Ressourcen zu aktivieren
- einen gewünschten nächsten Schritt mental vorzubereiten
Der Atem kann dabei als Anker dienen. Er bringt die Aufmerksamkeit zurück zum eigenen Körper und zum gegenwärtigen Moment. Die Veränderung entsteht aber nicht durch den Atem allein, sondern durch das Zusammenspiel von Aufmerksamkeit, innerem Erleben, Entscheidung und Umsetzung.
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Ergotherapie: Veränderung muss im Alltag ankommen
Ergotherapie richtet den Blick besonders auf das konkrete Tun. Entscheidend ist nicht nur, ob eine Bewegung in einer Therapiesituation gelingt oder eine Strategie theoretisch verstanden wurde. Entscheidend ist, ob ein Mensch seinen Alltag wieder möglichst selbstständig und nach den eigenen Bedürfnissen gestalten kann.
Das kann bedeuten, nach einer Verletzung wieder sicher zu greifen, nach einem Schlaganfall alltägliche Abläufe neu zu erlernen oder trotz Schmerzen passende Wege für wichtige Tätigkeiten zu finden.
Körperwahrnehmung und Selbstregulation können dabei eine Rolle spielen. Wer früh bemerkt, wann Anspannung steigt, kann eher eine Pause einplanen, eine Bewegung anpassen oder eine hilfreiche Strategie einsetzen.
Der ergotherapeutische Blick fragt deshalb:
- Was möchtest oder musst du im Alltag tun können?
- Was erschwert dir diese Tätigkeit?
- Welche körperlichen, mentalen oder äußeren Faktoren spielen mit?
- Welche konkrete Veränderung lässt sich ausprobieren und üben?
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Die gemeinsame Schnittstelle: wahrnehmen, beeinflussen, handeln
Breathwork, Hypnose-Coaching und Ergotherapie haben jeweils eigene Ziele, Methoden und fachliche Rahmenbedingungen. Ihre Schnittstelle lässt sich dennoch in drei Schritten beschreiben.
1. Wahrnehmen
Veränderung beginnt oft damit, automatische Abläufe überhaupt zu bemerken. Wie atme ich gerade? Wo halte ich Spannung? Welcher Gedanke taucht immer wieder auf? Was vermeide ich im Alltag, obwohl es mir wichtig wäre?
Wahrnehmung schafft noch keine Veränderung – aber sie macht eine bewusste Entscheidung erst möglich.
2. Beeinflussen
Im nächsten Schritt geht es um die Erfahrung: Ich kann etwas beitragen. Vielleicht kann ich mein Tempo reduzieren, die Aufmerksamkeit neu ausrichten, ein inneres Bild verändern oder eine Tätigkeit anders vorbereiten.
Diese Erfahrung stärkt Selbstwirksamkeit. Gemeint ist das Vertrauen, Herausforderungen nicht nur ausgeliefert zu sein, sondern mit eigenen Fähigkeiten und passenden Strategien Einfluss nehmen zu können.
3. Handeln
Erkenntnis wird erst dann wirksam, wenn sie in einer konkreten Situation verfügbar ist. Das kann der ruhige Atemzug vor einem schwierigen Gespräch sein, ein bewusst gewählter Gedanke vor einer Herausforderung oder eine neue Bewegungsstrategie bei einer Alltagstätigkeit.
Der entscheidende Schritt lautet: Was mache ich im Alltag jetzt anders?
Ein Beispiel: vom automatischen Stressmuster zur bewussten Entscheidung
Stell dir vor, eine Person steht vor einer Aufgabe, die sie als belastend erlebt. Noch bevor sie bewusst darüber nachdenkt, spannt sie die Schultern an, hält den Atem an und denkt: „Das schaffe ich nicht.“ Anschließend weicht sie der Situation aus.
Die drei Perspektiven könnten unterschiedliche Zugänge eröffnen:
- Über den Atem wird die körperliche Reaktion zuerst wahrgenommen und das Tempo bewusst reduziert.
- Im Hypnose-Coaching kann die Person mit dem inneren Muster, ihren Vorstellungen und hilfreichen Ressourcen arbeiten.
- In der Ergotherapie kann die konkrete Aufgabe analysiert, angepasst und Schritt für Schritt praktisch erprobt werden – sofern eine ergotherapeutische Indikation besteht.
Keiner dieser Zugänge ersetzt den anderen. Je nach Anliegen kann einer passend sein, mehrere Perspektiven können sich ergänzen oder eine ganz andere fachliche Unterstützung kann notwendig sein.
Kleine Impulse statt Leistungsdruck
Auch Selbstregulation kann zu einer neuen Pflicht werden: richtig atmen, richtig entspannen, richtig denken. Das erzeugt häufig genau den Druck, den wir eigentlich reduzieren möchten.
Hilfreicher ist eine neugierige Haltung. Du kannst dich im Alltag für einen Moment fragen:
- Was nehme ich gerade in meinem Körper wahr?
- Wie fließt mein Atem, ohne dass ich ihn sofort verändern muss?
- Was brauche ich, um den nächsten kleinen Schritt zu setzen?
Es geht nicht darum, unangenehme Gefühle wegzuatmen oder Beschwerden zu ignorieren. Es geht darum, Signale früher wahrzunehmen und bewusster zu entscheiden, was in diesem Moment hilfreich und möglich ist.
Fazit: Veränderung braucht Verbindung
Breathwork, Hypnose-Coaching und Ergotherapie zeigen aus unterschiedlichen Blickwinkeln, wie eng Körper, Aufmerksamkeit und Handeln zusammenhängen.
Der Atem kann einen Zugang zum gegenwärtigen Zustand öffnen. Hypnose-Coaching kann den inneren Fokus und vorhandene Ressourcen nutzbar machen. Ergotherapie bringt Veränderung in konkrete, bedeutungsvolle Alltagshandlungen.
Der gemeinsame Nenner ist nicht eine bestimmte Methode. Es ist die Erfahrung:
Ich kann wahrnehmen, was gerade geschieht. Ich kann Einfluss nehmen. Und ich kann einen nächsten Schritt setzen.
Wenn du herausfinden möchtest, welcher Zugang zu deinem Anliegen passt, kannst du gerne ein unverbindliches Erstgespräch vereinbaren.
Quellen und fachliche Orientierung
- World Federation of Occupational Therapists: About Occupational Therapy
- National Center for Complementary and Integrative Health: Hypnosis
- Zaccaro et al. (2018): How Breath-Control Can Change Your Life – A Systematic Review
- Ricker (1992): The effect of the practice of deep breathing exercises on the functional status of patients with osteoarthritis and rheumatoid arthritis
- Jensen et al. (2022): Modulating Heart Rate Variability through Deep Breathing Exercises in rheumatoid arthritis or systemic lupus erythematosus
- Atemfitness® von Daniel „Fetzy“ Fetz
