Ergotherapeutische Übung zur Wahrnehmung nach Schlaganfall mit Händen, Tuch, Bürste und Holzklötzen
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Schlaganfall und Sensibilitätsstörungen: was kann man tun?

1. Juni 2026

Ergotherapie

Nach einem Schlaganfall denken viele zuerst an sichtbare Folgen: eine schwächere Hand, ein unsicherer Gang, Probleme beim Sprechen oder beim Greifen.

Was oft weniger auffällt, aber den Alltag stark beeinflussen kann, sind Sensibilitätsstörungen. Die Hand fühlt sich taub an. Berührung kommt dumpf oder verzögert an. Warm und kalt sind schwer zu unterscheiden. Gegenstände rutschen aus der Hand, obwohl eigentlich genug Kraft da wäre.

Oder eine Körperseite fühlt sich fremd an, als würde sie nicht ganz dazugehören.

Solche Veränderungen können verunsichern. Gleichzeitig sind sie ein wichtiger Teil der Rehabilitation, denn Wahrnehmung und Bewegung gehören eng zusammen.

Was bedeutet Sensibilität überhaupt?

Sensibilität beschreibt die Fähigkeit unseres Nervensystems, Informationen aus dem Körper und aus der Umgebung wahrzunehmen. Dazu gehören Berührung, Druck, Schmerz, Temperatur, Vibration und die sogenannte Tiefensensibilität: also das Gefühl dafür, wo sich ein Körperteil gerade befindet, ohne hinsehen zu müssen.

Gerade diese Tiefensensibilität ist im Alltag enorm wichtig. Sie hilft uns zum Beispiel, eine Tasse sicher zu halten, Knöpfe zu schließen, Besteck zu führen oder den Fuß richtig aufzusetzen.

Wenn diese Rückmeldungen nach einem Schlaganfall verändert sind, muss das Gehirn wieder lernen, Informationen besser einzuordnen und mit Bewegung zu verbinden.

Wie können Sensibilitätsstörungen nach einem Schlaganfall aussehen?

Sensibilitätsstörungen sind nicht bei allen Menschen gleich. Manche spüren weniger. Andere spüren anders. Wieder andere erleben unangenehme Missempfindungen.

Typisch können sein:

  • Taubheitsgefühl
  • Kribbeln, Brennen oder Stechen
  • ein dumpfes Gefühl
  • Unsicherheit beim Greifen
  • Schwierigkeiten, Gegenstände in der Hand zu erkennen
  • Probleme, warm und kalt zu unterscheiden
  • das Gefühl, dass Arm, Hand, Bein oder Fuß nicht richtig zum eigenen Körper gehören

Manchmal fällt es erst im Alltag auf: beim Anziehen, Kochen, Schreiben, Gehen, Duschen oder beim Versuch, kleine Dinge sicher zu greifen.

Warum das im Alltag so viel ausmacht

Eine Sensibilitätsstörung betrifft nicht nur das Fühlen. Sie kann auch Bewegung, Sicherheit und Selbstständigkeit beeinflussen.

Wenn die Hand einen Gegenstand nicht gut spürt, wird Greifen unsicherer. Wenn der Fuß den Boden schlechter wahrnimmt, kann das Gehen wackeliger werden. Wenn Schmerz oder Temperatur vermindert wahrgenommen werden, steigt das Risiko für kleine Verletzungen, Verbrennungen oder Druckstellen.

Viele Betroffene berichten auch, dass sie der betroffenen Seite weniger vertrauen. Sie schauen häufiger hin, bewegen vorsichtiger oder vermeiden bestimmte Tätigkeiten.

Das ist verständlich, kann aber langfristig dazu führen, dass die betroffene Seite im Alltag noch weniger genutzt wird.

Was kann Ergotherapie tun?

In der Ergotherapie geht es nicht nur darum, einzelne Bewegungen zu üben. Es geht darum, alltagsrelevante Fähigkeiten wieder aufzubauen und die betroffene Körperseite sinnvoll in Tätigkeiten einzubinden.

Bei Sensibilitätsstörungen kann Ergotherapie helfen, Wahrnehmung bewusster zu machen, Sicherheit im Alltag zu fördern und Bewegungen gezielt mit sensorischen Reizen zu verbinden.

Das kann je nach Situation ganz unterschiedlich aussehen:

  • mit Materialien, die verschiedene Oberflächen haben
  • mit gezieltem Tasttraining
  • mit Übungen zur Unterscheidung von Druck, Temperatur oder Texturen
  • mit Spiegel, Blickkontrolle und aktiven Bewegungen
  • mit Alltagstraining und Strategien für mehr Sicherheit

Wichtig ist: Sensibilitätstraining sollte nicht isoliert bleiben. Besonders sinnvoll wird es, wenn es mit echten Alltagshandlungen verbunden wird, zum Beispiel beim Greifen einer Tasse, beim Sortieren kleiner Gegenstände, beim Anziehen, beim Kochen oder beim sicheren Gehen in der Wohnung.

Was kann man selbst im Alltag tun?

Die folgenden Ideen ersetzen keine individuelle Therapie, können aber Orientierung geben. Wichtig ist, langsam, aufmerksam und sicher zu üben.

1. Die betroffene Seite bewusst einbeziehen

Auch wenn sie sich fremd oder unsicher anfühlt, darf die betroffene Seite im Alltag kleine Aufgaben übernehmen.

Zum Beispiel: die Hand beim Tischdecken auflegen, Gegenstände stabilisieren oder beim Waschen bewusst miteinbeziehen.

2. Mit verschiedenen Materialien arbeiten

Weiche, raue, glatte, kühle oder strukturierte Materialien können helfen, Wahrnehmung gezielt anzuregen.

Geeignet sind zum Beispiel:

  • Handtuch
  • Schwamm
  • weiche Bürste
  • Stoff
  • Holz
  • Kork
  • Igelball

Dabei geht es nicht darum, schnell darüberzureiben. Besser ist es, bewusst wahrzunehmen: Was spüre ich? Wo spüre ich es? Ist rechts und links ein Unterschied?

3. Sehen und Spüren verbinden

Wenn das Gefühl unsicher ist, kann Hinschauen helfen. Die Bewegung bewusst beobachten und gleichzeitig wahrnehmen, was in Hand, Arm, Fuß oder Bein passiert.

So bekommt das Gehirn zusätzliche Informationen.

4. Kleine Alltagsgegenstände ertasten

Münzen, Schlüssel, Knöpfe oder Wäscheklammern können zum Tasttraining verwendet werden. Anfangs mit Blickkontrolle, später vielleicht auch einmal ohne Hinsehen.

Wichtig: nicht frustrieren, sondern neugierig bleiben.

5. Sicherheit ernst nehmen

Wenn Temperatur, Schmerz oder Druck vermindert wahrgenommen werden, braucht es Schutz.

Badewasser sollte sicherheitshalber mit der nicht betroffenen Hand geprüft werden. Heizkissen oder Wärmflaschen sollten vorsichtig verwendet werden. Auch die Haut sollte regelmäßig kontrolliert werden, besonders wenn Druckstellen oder kleine Verletzungen nicht gut gespürt werden.

6. Regelmäßig statt extrem üben

Das Gehirn lernt durch Wiederholung. Kurze, ruhige Übungseinheiten im Alltag sind oft sinnvoller als seltene, lange Einheiten mit Überforderung.

Geduld ist Teil der Rehabilitation

Nach einem Schlaganfall braucht das Nervensystem Zeit. Fortschritte sind oft nicht geradlinig. Es gibt gute Tage, müde Tage und Tage, an denen sich scheinbar wenig verändert.

Trotzdem ist gezieltes Üben wichtig. Das Gehirn besitzt die Fähigkeit, sich anzupassen und neue Verbindungen zu nutzen. In der Rehabilitation spricht man hier von Neuroplastizität. Sie wird durch wiederholte, sinnvolle und alltagsnahe Aktivität unterstützt.

Dabei geht es nicht darum, perfekt zu funktionieren. Es geht darum, Schritt für Schritt mehr Sicherheit, Vertrauen und Selbstständigkeit im Alltag zurückzugewinnen.

Wann sollte man besonders aufmerksam sein?

Wenn nach einem Schlaganfall neue Symptome auftreten, sich Sensibilität oder Kraft plötzlich verschlechtern, neue Sprach-, Seh- oder Gleichgewichtsprobleme dazukommen oder starke ungewohnte Schmerzen auftreten, sollte sofort medizinisch abgeklärt werden.

Bei Verdacht auf einen akuten Schlaganfall zählt jede Minute: in Österreich den Notruf 144 wählen.

Auch anhaltende Schmerzen, starkes Brennen, deutliche Unsicherheit beim Gehen oder häufige kleine Verletzungen sollten ärztlich und therapeutisch besprochen werden.

Wie Ergotherapie begleiten kann

In der Ergotherapie schauen wir gemeinsam darauf, welche Tätigkeiten im Alltag schwerfallen und welche Rolle Sensibilität, Bewegung, Aufmerksamkeit und Körperwahrnehmung dabei spielen.

Daraus entstehen Übungen und Strategien, die zu deinem Alltag passen: nicht abstrakt, sondern praktisch. Damit die betroffene Seite wieder mehr Orientierung bekommt und du dich in deinen Bewegungen sicherer fühlst.

Wenn du nach einem Schlaganfall Sensibilitätsstörungen bemerkst oder unsicher bist, was du üben kannst, kann Ergotherapie ein wichtiger Baustein in der Rehabilitation sein.

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Quellen und fachliche Orientierung